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Einblick in die Storchenberingung

Jungstörche in einem Horst, Foto: Auwaldstation (Bild vergrößern)
Bild zur Meldung: Jungstörche in einem Horst, Foto: Auwaldstation

Am 2. Juni bot sich mir im Rahmen meines Praktikums an der Auwaldstation die Gelegenheit, eine Storchenberingung zu begleiten und dabei hautnah mitzuerleben, wie junge Weißstörche beringt werden. Der ehemalige Leiter der Auwaldstation, Herr Seifert, setzt sich seit vielen Jahren mit großem Engagement für die Weißstörche in der Region ein. Er hat Nester gebaut und repariert und die Entwicklung der örtlichen Storchenpopulation aufmerksam begleitet. Durch seinen langjährigen Kontakt zu dem Storchenberinger Herrn Heyder durfte ich die Beringung begleiten.


Herr Heyder teilte mir mit, dass die erste Beringung am Wehlitzer Horst bei Schkeuditz stattfindet. Pünktlich um 8 Uhr setzt sich die kleine Gruppe aus Interessierten und Helfenden in Bewegung. Schon jetzt wird deutlich, dass eine Storchenberingung nur durch das Zusammenspiel vieler Beteiligter möglich ist. Die Freiwillige Feuerwehr begleitet die Aktion, ohne ihr freiwilliges Engagement wäre die Beringung von Störchen oft nicht möglich. Während unten die Ausrüstung vorbereitet wird, bringt die Freiwillige Feuerwehr ihre Drehleiter in Position. Wenige Minuten später hebt sich der Korb langsam in Richtung Nest, rund 25 Meter über dem Boden. Routiniert deckt Herr Heyder die Jungvögel zunächst mit einer Decke ab, damit sie möglichst ruhig bleiben. Erst dann werden die Ringe vorsichtig angelegt. Von unten kann ich beobachten, wie er die zuvor eingeweichten Ringe entnimmt und jeweils einen um das rechte und einen um das linke Bein legt. Die beiden besorgten Altvögel umkreisen währenddessen immer wieder das Nest und beobachten das Geschehen von den umliegenden Dächern.


Gerade weil die Beringung im Nest erfolgt, ist der richtige Zeitpunkt entscheidend. Können die Jungstörche bereits fliegen oder versuchen sie zu flüchten, besteht die Gefahr, dass sie vom Nestrand stürzen. Deshalb werden die Termine jedes Jahr sorgfältig auf das Alter der Jungvögel abgestimmt. Daher ist die Erfahrung der Beringer:innen entscheidend. Nur wer das Verhalten und den Entwicklungsstand der Jungvögel richtig einschätzen kann, führt eine Beringung sicher durch.


Aber nicht nur das Fallen aus dem Nest oder Horstkämpfe zwischen den Jungvögeln stellen ein erhöhtes Risiko dar. Auch der Rückgang wichtiger Nahrungsquellen, sowie immer größere Einschränkungen durch den Menschen, etwa durch Lärm und Lebensraumzerstörung, erschweren den Störchen das Überleben. So kommt es dazu, dass etwa ein Drittel der Störche das erste Lebensjahr nicht überlebt. Trotz dieser Risiken erlebt der Weißstorchbestand in Deutschland seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Erholung. Experten verzeichnen wieder Höchststände, die teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht wurden. Hauptursachen dafür sind das veränderte Zugverhalten, mildere Winter durch den Klimawandel, und gezielte Artenschutzprogramme.


Nachdem Herr Heyder wieder unten angekommen ist, darf auch ich mit der Drehleiter nach oben fahren. Erst aus dieser Perspektive wird deutlich, wie beeindruckend groß ein Storchennest mit einer Höhe von ca. 2 m ist. Vier Jungstörche liegen darin, einer etwas kleiner als die anderen. Alle verharren regungslos in Schreckstarre (Akinese), einer typischen Reaktion auf vermeintlich gefährliche Situation. Überraschend ist für mich, wie flach das Nest von oben wirkt und wie ungeschützt die Jungvögel Wind und Wetter ausgesetzt sind. Gleichzeitig eröffnet sich aus rund 30 m Höhe ein seltener Blick über Schkeuditz. Die beeindruckende Perspektive wird mir lange in Erinnerung bleiben, trotzdem bin ich erleichtert, wenig später wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Bevor wir zum nächsten Nest aufbrechen, warten wir noch darauf, dass die Altvögel in das Nest zurückkehren.


Was auf den ersten Blick wie ein kleiner Metallring aussieht, ist für die Forschung von großem Wert. Jeder Ring trägt eine individuelle Kennung und macht den Storch eindeutig identifizierbar, gewissermaßen sein Personalausweis. Die drei staatlichen Vogelwarten Helgoland, Radolfzell und Hiddensee fungieren dabei als zentrale wissenschaftliche Steuerungs- und Kontrollinstanzen für die Vogelberingung und das Vogelmonitoring in Deutschland. Dort werden die Daten und Beobachtungen der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer:innen wissenschaftlich zusammengeführt und ausgewertet. Gelingt es einem, die Kennung eines Ringes abzulesen, kann man diese zusammen mit dem Ort der Sichtung an die zuständige Vogelwarte übermitteln. Die Meldungen helfen dabei, die Wanderungen und die Verbreitung der Vögel besser zu erfassen. Als Dank für die übermittelte Information erhält man außerdem Auskunft über die bisher bekannten Sichtungen des Tieres sowie den Ort der Erstberingung. Diese Form des Monitorings ist vor allem auf die Mitarbeit vieler Freiwilliger angewiesen. Ein genauer Blick auf die Beine eines Storches oder anderer Vögel leistet daher einen wertvollen Beitrag zur Forschung.

 

Text: Sara Richter